Die gastrointestinale Endoskopie bietet zunehmend mehr invasive Therapieoptionen an. Die Folge kann ein erhöhtes Aufkommen von unerwünschten Ereignissen sein. Für die Chirurgie existiert mit der Clavien-Dindo-Klassifikation von 2003 eine einheitliche Nomenklatur für unerwünschte postoperative Ereignisse [1]. Eine entsprechende einheitliche Erfassung von unerwünschten Ereignissen, die im Zusammenhang mit der endoskopischen Prozedur stehen, ist wünschenswert. Die Arbeitsgruppe um Nass und Fockens hat die AGREE-Classification (Adverse Events in Gastrointestinal Endoscopy) aus einem Experten-Konsensus mit 166 fortgeschrittenen, interventionellen Endoskopierenden zu diesem Zweck entwickelt. Ihre Anwendbarkeit wurde durch Ärzte, Pflegende und Patienten getestet [2]. Die AGREE-Klassifikation orientiert sich an der vorbekannten chirurgischen Komplikations-Klassifikation, der betrachtete Zeitraum für die AGREE-Klassifikation umfasst ebenso 30 Tage postinterventionell.
Validierung und Anwendung
Die Validierung der AGREE-Klassifikation erfolgte durch Crispino et al.: In deren Analyse anhand von 226 Patientendaten zeigte sich die AGREE-Klassifikation als einfach anzuwenden, und die Interobserver-Variabilität war im Vergleich mit der Klassifikation unerwünschter Ereignisse der American Society of Gastrointestinal Endoscopy (ASGE) geringer [3]. Es liegen zwischenzeitlich zahlreiche Studien vor, in denen die AGREE-Klassifikation zur Beschreibung der postinterventionellen Patientenverläufe angewendet wurde [3–7].
Übersicht der AGREE-Klassifikation
Grad
Beschreibung
Kein unerwünschtes Ereignis
Telefonischer Kontakt mit dem Hausarzt, der Ambulanz oder dem Endoskopie-Dienst ohne jegliche Intervention oder verlängerte Überwachungszeit des Patienten nach dem Eingriff (< 3 Stunden) ohne jegliche Intervention
I
Auftreten eines unerwünschten Ereignisses ohne Beeinträchtigung des postinterventionellen Ablaufes, keine medikamentöse, endoskopische, radiologische oder chirurgische Intervention notwendig – Medikamente: Analgesie, Antiemesis, Antipyrese, Elektrolyte – Entlassung zum geplanten Zeitpunkt möglich – Diagnostische Bildgebung
II
Unerwünschte Ereignisse, die eine pharmakologische Behandlung mit anderen als den für unerwünschte Ereignisse des Grades I zulässigen Medikamenten (d. h. Antibiotika, Antithrombotika usw.) erfordern – Transfusionen von Blut oder Blutprodukten – Krankenhausaufnahme für mehr als 24 Stunden
III
Unerwünschte Ereignisse, die einen endoskopischen, radiologischen oder chirurgischen Eingriff erfordern
IIIa
Endoskopischer oder radiologischer Eingriff
IIIb
Chirurgischer Eingriff
IV
Unerwünschte Ereignisse, die eine Aufnahme auf die Intensivstation erfordern
IVa
Dysfunktion eines einzelnen Organs (einschließlich Dialyse)
IVb
Multi-Organversagen
V
Tod des Patienten
Tabelle 1: Übersicht der AGREE-Klassifikation
Literatur
Dindo, D., et al., Obesity in general elective surgery. Lancet, 2003. 361(9374): p. 2032–5.
Nass, K.J., et al., Novel classification for adverse events in GI endoscopy: the AGREE classification. Gastrointest Endosc, 2022. 95(6): p. 1078–1085 e8.
Crispino, F., et al., Adverse events in gastrointestinal endoscopy: Validation of the AGREE classification in a real-life 5-year setting. Dig Liver Dis, 2023. 55(7): p. 933–937.
Corsi, O., et al., Application of a novel adverse event classification scale in a Latin American gastrointestinal endoscopy unit. World J Gastrointest Endosc, 2026. 18(1): p. 111384.
Goubert, K., et al., Factors Associated with the Severity of ERCP-Related Complications: A Retrospective Single-Centre Study. J Clin Med, 2024. 13(23).
Verhoeve, S., et al., Efficacy of EUS-guided keyhole biopsies in diagnosing subepithelial lesions of the upper gastrointestinal tract. Endosc Int Open, 2024. 12(10): p. E1183–E1189.
Wessels, E.M., et al., Efficacy and safety of peroral endoscopic myotomy for esophageal diverticula. Endosc Int Open, 2023. 11(5): p. E546–E552.
Beitrag von:
PD Dr. med. Dörte Wichmann
Weight Doctors GmbH Dortmund – Nationalklinik Wertheim, Institut für Klinische Anatomie und Zellanalytik des Universitätsklinikums Tübingen